Das 170. Themenforum fand an einem historisch bedeutsamen Ort statt: dem Alten Rathaus in Wien, das über Jahrhunderte hinweg das Zentrum der Wiener Stadtverwaltung bildete. Vom 14. Jahrhundert bis 1883 diente es als Sitz der Kommunalverwaltung und ist heute
das Rathaus der Inneren Stadt. Damit bot der Veranstaltungsort nicht nur einen passenden Rahmen, sondern wurde selbst Teil des inhaltlichen Zugangs zur Thematik.
Nach der Einführung durch Eva Schantl-Wurz, Leiterin des Magistratischen Bezirksamts 1/8, erhielten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Rahmen einer Führung durch Markus Figl, Bezirksvorsteher des 1. WienerGemeindebezirks, einen anschaulichen Einblick in die Geschichte und Entwicklung des Gebäudes. Besonders eindrucksvoll zeigte sich dabei, wie eng Architektur und Verwaltung miteinander verwoben sind. Räume erzählen hier nicht nur von Funktionen, sondern auch von Selbstverständnis und politischer Kultur vergangener Zeiten.
Im historischen Sitzungssaal des Gemeinderates verdichteten sich diese Eindrücke besonders. Die Gestaltung im Stil des Historismus sowie die symbolreichen Darstellungenverweisen auf zentrale Werte wie Glaube, Standhaftigkeit, Gerechtigkeit und Weisheit. Gleichzeitig spiegeln sie auch die Verbindung zur Stadt und ihren Lebensgrundlagen wider
– etwa durch Darstellungen der Donau oder der Landwirtschaft. Diese Elemente machen sichtbar, wie Verwaltung sich selbst versteht und legitimiert.
Im anschließenden literarischen Teil – dem „Literarischen Terzett“ mit Alexander Marinovic, Chris Pichler und Klaus Hartmann – wurde der Blick von der Architektur zurSprache gelenkt. Texte bedeutender österreichischer Autoren wie Arthur Schnitzler, Franz Werfel, Ernst Jandl und Thomas Bernhard wurden gelesen und in einenverwaltungspolitischen Zusammenhang gestellt. Literatur fungierte dabei nicht nur als künstlerischer Ausdruck, sondern auch als kritisches Instrument der Reflexion.
Ein besonderer Schwerpunkt lag auf der Auseinandersetzung mit dem Minoritenplatz 5, einem historisch belasteten Ort der österreichischen Verwaltung. Alexander Marinovic, dersich in seinem Buch intensiv mit diesem Gebäude beschäftigt hat, beleuchtete dessen Rolle während der NS-Zeit. Dadurch wurde deutlich, dass Verwaltung stets auch in historischeKontexte eingebettet ist und Verantwortung über Generationen hinweg trägt.
Die literarischen Beiträge eröffneten darüber hinaus Perspektiven auf Themen, die bis heute hohe Aktualität besitzen. Bürokratie und ihre Sprache wurden ebenso thematisiert wie soziale Realität im Verwaltungshandeln. Fragen nach Macht, Korruption und Postenschacher wurden sowohl satirisch als auch kritisch aufgegriffen und machten sichtbar, wie komplex und vielschichtig administrative Systeme sind.
Besonders deutlich wurde dabei die Rolle der Sprache: Sie ist nicht nur Mittel der Verwaltung, sondern prägt auch Wahrnehmung, Handlungsspielräume undgesellschaftliche Wirklichkeit. In den vorgetragenen Texten zeigte sich, wie Sprache Strukturen sichtbar machen, aber auch verschleiern kann.
Das Themenforum verband somit historische Einblicke, literarische Reflexion und gegenwartsbezogene Fragestellungen zu einem dichten Gesamtbild. Es machte deutlich, dass Verwaltung nicht nur ein organisatorisches System ist, sondern auch ein kulturelles Phänomen, das sich in Sprache, Symbolik und gesellschaftlichen Diskursen ausdrückt.
Der Abend klang bei einem kleinen Buffet im Wappensaal aus. In dieser offenen Atmosphäre wurden Eindrücke weitergeführt, Gespräche vertieft und neue Perspektiven entwickelt. Insgesamt bot das Themenforum eine inhaltlich vielschichtige und anregende Auseinandersetzung mit der Frage, wie Verwaltung gedacht, dargestellt und erlebt wird.
von Lona Weis




