Renaturierung als Zukunftsaufgabe – Themenforum an der BOKU

Am 6. Mai 2026 widmete sich das 171. Themenforum im historischen Festsaal der Universität fürBodenkultur Wien (BOKU) der Renaturierung und Umsetzung der europäischen Wiederherstellungsverordnung. Hochrangige Vertreter*innen aus Wissenschaft, Verwaltung und Praxis diskutierten über Chancen, Herausforderungen und konkrete Wege zur Wiederherstellung geschädigter Ökosysteme.

BOKU-Rektorin Eva Schulev-Steindl eröffnete die Veranstaltung und betonte die Bedeutung des Dialogs zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Wissenschaft entfalte ihre größte Wirkung dann, wenn sie den Austausch suche und unterschiedliche Perspektiven zusammenführe. Die vor über 150 Jahren gegründete BOKU vereine als führende Institution der Life Sciences zahlreiche Disziplinen in Forschung und Lehre. Das Thema des Abends sei nicht nur ökologisch, sondern ebenso gesellschaftlich und wirtschaftlich von hoher Relevanz.

Nach den Begrüßungsworten von Präsident Werner Trock führte Wiens Klimadirektor Andreas Januskovecz in das Thema ein. Die Veranstaltung war entlang der Perspektiven Wissenschaft, Praxis und Verwaltung gegliedert und bot damit einen umfassenden Blick auf die Umsetzung der europäischen Wiederherstellungsverordnung.

Den wissenschaftlichen Auftakt gestaltete Professorin Rafaela Schinegger vom Institut für Landschaftsentwicklung, Erholungs- und Naturschutzplanung der BOKU. Sie zeigte auf, warum Klima- und Biodiversitätskrise gekoppelt sind undzunehmend als „Polykrise“ verstanden werden müssen. Extreme Wetterereignisse nähmen zu, Ökosysteme gerieten unter Druck und die Wechselwirkungen zwischen unterschiedlichen Krisen würden immer deutlicher sichtbar. Natur müsse daher stärker als kritische, ökologische Infrastruktur begriffen werden. Resiliente Landschaften könnten einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, die Folgen des Klimawandels abzufedern und unsere Lebensgrundlagen langfristig zu sichern.

Die europäische Wiederherstellungsverordnung beschrieb Schinegger als wichtigen Integrationsrahmen, der wissenschaftliche Erkenntnisse der vergangenen Jahrzehnte zusammenführt und die langfristige Erholung von Ökosystemen zum Ziel hat. Gleichzeitig machte sie deutlich, dass die damit verknüpfte und notwendige Transformation von Verwaltung, Gesellschaft und Politik vor großen Herausforderungen steht. Unterschiedliche Zuständigkeiten, lange Verfahren, zahlreiche beteiligte Akteur*innen sowie fehlende gemeinsame Datengrundlagen erschwerten häufig eine integrierte Planung. Umso wichtiger sei es, den Fokus stärker auf Synergien statt auf Zielkonflikte zu richten. Renaturierung sei nicht nur Naturschutz, sondern auch Menschenschutz und eine Investition in die Zukunft für Wirtschaft und Gesellschaft.

Wie eine solche integrierte Herangehensweise in der Praxis aussehen kann, zeigte Hans-Peter Hasenbichler, Geschäftsführer der via donau. Er verwies auf die zunehmenden Auswirkungen des Klimawandels, die sich unter anderem in häufigeren Starkregenereignissen und veränderten Wasserhaushalten bemerkbar machen. Die Aufgaben im Bereich Hochwasserschutz würden dadurch komplexer, gleichzeitig eröffne die Verbindung von technischen und ökologischen Maßnahmen neue Möglichkeiten. Die via donau setze auf integrative Planungsansätze, bei denen ökologische Aspekte von Beginn an berücksichtigt werden. Hochwasserschutzmaßnahmen, Dammsanierungen oder wasserbauliche Projekte würden unter Einbindung unterschiedlicher Interessengruppen entwickelt. Die Zusammenarbeit mit Gemeinden, NGOs und weiteren Stakeholdern sei dabei ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit. Trotz der Herausforderungen zeigte sich Hasenbichler überzeugt, dass viele Lösungen möglich seien, wenn unterschiedliche Interessen frühzeitig zusammengeführt werden.

Den Blick der Verwaltung brachte Georg Kanz aus dem Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft ein. Er erläuterte den laufenden Prozess zur Erstellung des österreichischen Wiederherstellungsplans und stellte die zentralen Inhalte der europäischen Verordnung vor. Diese gelte unmittelbar in allen Mitgliedstaaten und umfasse sämtliche Landschaften Europas. Die Umsetzung erfordere jedoch die Zusammenarbeit zahlreicher Akteur*innen auf unterschiedlichen Ebenen. Bund, Länder, Gemeinden, Fachorganisationen und Interessenvertretungen seien gleichermaßen eingebunden. Das Ministerium koordiniert hierzuverschiedene Arbeitsgruppen und Beteiligungsprozesse. Ergänzend werden Informations- und Dialogformate angeboten, um eine breite Einbindung zu ermöglichen. Die Übermittlung des österreichischen Wiederherstellungsplans an die Europäische Kommission ist für September 2026 vorgesehen. Der österreichische Zugang sei es, eine wirksame aber pragmatische Umsetzung unterWahrung von Eigentumsrechten sowie mittels Anreizen und Fördersysteme zu erreichen. Dabei wurde auf bestehende Programme wie dem Österreichischen Agrarumweltprogramm oder dem Biodiversitätsfondsverwiesen.

In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass die Wiederherstellungsverordnung von allen Beteiligten vor allem als Chance verstanden wurde. Sie könne dazu beitragen, ein gemeinsames Verständnis für den Umgang mit natürlichen Ressourcen zu entwickeln und sektorübergreifende Zusammenarbeit zu stärken. Als zentrale Erfolgsfaktoren, aber gleichzeitig auch große Herausforderung für wirkungsvolle Renaturierung wurden Kommunikation, Transparenz und frühzeitige Beteiligung genannt. Gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, dass bereits heute zahlreiche Projekte umgesetzt werden, die zwar nicht ausdrücklich unter dem Begriff Renaturierung laufen, jedoch wesentliche Beiträge zur Wiederherstellung von Ökosystemen leisten.

Der Abend klang traditionell bei einer Networking-Runde im beeindruckenden Ambiente der BOKU aus. Die Gespräche machten deutlich, dass die europäische Wiederherstellungsverordnung weit mehr als neue Vorgaben schafft: Sie eröffnet die Chance, Wissenschaft, Verwaltung, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft enger zusammenzubringen und gemeinsam an resilienten Landschaften und einer nachhaltigen Zukunft zu arbeiten, ökologisch wie ökonomisch.